Termine 2026: Schopenhauers "schwarze Romantik"
War Schopenhauer ein Romantiker? Auf jeden Fall wird er seit 180 Jahren nicht zur "romantischen Schule" gerechnet, die umstandslos dem "deutschen Geist" zugeschlagen worden ist. Früh- und Spätromantiker waren allerdings seine Zeitgenossen, mit denen er sich aus sachlichen Gründen immer wieder befassen mußte. Sein philosophisches, wissenschaftliches und literarisches Interesse galt dabei vor allem den dunklen Seiten der Romantik, die auch "schwarze" Romantik genannt wird, da sie sich mit der "anderen Seite" der Vernunft befaßte. Schopenhauer nahm Phänomene wie den Wahnsinn, die Träume, die Magie und die Mystik ernster als die wissenschaftliche und philosophische Zunft seiner Zeit. Nicht das Obskure interessierte ihn, sondern der Aufklärer sah es als seine Aufgabe an, eine rationale und systematische Erfassung derdunklen" Phänomene – so weit es irgend geht – zumindest zu versuchen.
Als eine Art Präludium dieser Spielart sind die Nachtwachen von Bonaventura aus demJahr 1805 anzusehen, die man auch entsprechend als Vorahnung" der Schopenhauerschen Lehre deutete. Viele Texte der Früh-und Spätromantiker, die aufgrund ihrer Sperrigkeit nicht in den allgemeinen Kanon eingegangen sind, gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang. Eine Romantisierung der Welt allein in diesem Sinne liefe vermutlich auf einen Albtraum hinaus.
Im Jour Fixe des Jahres 2026 geht es um einen neuen Blick auf diese Verhältnisse und Beziehungen, gestützt auf Dokumente und Texte, die in der Schopenhauer-Forschung bislang eher im Hintergrund standen oder gänzlich in die Rubrik „Parapsychologie" abgeschoben wurden, womit die wissenschaftliche Erfassung allgemein bekannter, aber allein mit der
Vernunft nicht zu erklärender Phänomene gemeint ist. Literatur: Arthur Schopenhauer, Parapsychologische Schriften. Mit einer Einführung von Hans Bender, Basel/Stuttgart 1961.
Q1 – Geistersehen: In den Parerga und Paralipomena, Band I, wurde der Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt zum ersten Mal veröffentlicht. Schopenhauer folgt hier dem bewunderten Kant, wenn er versucht, zumindest ein,,schwaches Licht" auf Dinge zu werfen, die im Dunkeln liegen. Er entwirft eine rationale Systematik der verschiedenen Formen des„Geistersehens", die von Fieberträumen bis zu Widergängerm reicht.
Q2 – Schicksal: Das Schicksal hat mit demCharakter zu tun, der nicht nur empirisch und individuell ist, sondern vor allem auch angeboren und konstant sein soll. Gleichwohl gibt es in verschiedenen Kulturen Geschichten, wie ein Mensch zu seinem Charakter kommt und ihnwählt". Die,Absichtlich-keit" der Lebensschicksale hat ihn von Jugend an außerordentlich interessiert.
Q3 – Magie: Die romantische Naturforschung war fasziniert von Phänomenen wie Magnetismus, Galvanismus, animalischer Elektrizität, unsichtbaren Farben, Pendelversuchen und vielem mehr. Schopenhauer, der Naturwissenschaftler, verfolgte aber auch Versuche mit großem Interesse, diese Praktikenmagisch" zu nutzen. Daß er behauptete, die Magie sei nichts anderes sei als„angewandte Metaphysik", mußte seine Kollegen und muß angeblich aufgeklärte Zeitgenossen auch heute noch in hohem Maße irritieren.
Q4 – Nichts: Die Bücher des Hauptwerks setzen sich gegenseitig voraus. Erst nach Abschluß der enzyklopädischen Ubersicht über alle Wissenschaftenund alle Künste kann die Welt der Vorstellung als erkannt gelten. Jetzt erst läßt sich die Frage stellen, ob die Bejahung oder die Verneinung des Willens vorzuziehen sei, und welche Argumente überzeugen können. Auf diesem Gipfel verschwindet das „Zerrbild" des Nichts. Die Möglichkeit eines endgültigen Erwachens kann zumindest angedeutet werden.
Wie üblich stehen zunächst Sätze, Texte und für Schopenhauer bedeutsame Autoren im Vordergrund, die durch Rekurs auf größere Zusammenhänge erläutert werden, wobei in der Regel genügend Zeit bleibt, aktuelle Themen zu behandeln.
Termine und Themen
- Donnerstag, 29.01.2026: Romantische Aufzeichnungen
- Donnerstag, 19.02.2026: Nachtwachen von Bonaventura
- Donnerstag, 26.03.2026: Geisterwelt und Geistersehen
- Donnerstag, 30.04.2026: Hamlet oder die Nachricht aus dem Jenseits
- Donnerstag, 28.05.2026: Die Fäden des Schicksals
- Donnerstag, 25.06.2026: Facetten der Charakterlehre
- Donnerstag, 30.07.2026: Die Allmacht des Willens
- Donnerstag, 27.08.2026: Theoretische und praktische Metaphysik
- Donnerstag, 24.09.2026: Magnetismus und Elektrizität
- Donnerstag, 29.10.2026: Bücher als Stufen eines Weges
- Donnerstag, 26.11.2026: Voraussetzungen der entscheidenden Frage
- Donnerstag, 17.12.2026: Resignation und Zeichenwechsel
Teilnahme
Der Jour-Fixe ist eine Veranstaltung der Ortsvereinigung Frankfurt a.M. der SchopenhauerGesellschafte.V. Er findet in der Regel am letzten Donnerstag im Monat von 18.00–19.30 Uhr im 1. Stock des limori-Hauses, Braubachstraße 24 (Nahe Römer), statt. Es handelt sich um einen offenen Kreis. Interessierte sind herzlich willkommen! Die Veranstaltung ist zugleich über das Internet zugänglich. Die Einwahldaten zur Teilnahme sind:
https://zoom.us/j/93333616255?pwd=T1VnQUQ0QmlQYXBWY3M2TTRtSzZaUT09
Meeting-ID: 933 3361 6255/ Kenncode: 295953
Einwahl nach aktuellem Standort +49 69 3807 9883 Deutschland
Informationen
Information bei Dr. Thomas Regehly, Bischofsheimer Weg 26 A, 63075 Offenbach (Tel. 069 861590 bzw. 0151 19035 180 bzw. per Mail: thomas.regehly@t-online.de)