künftige Termine

Einladungen erscheinen in der Regel am Wochenende vor der Veranstaltung hier und auf Facebook.

  • 30.09.2021: Virtuelle Verlockungen
  • 28.10.2021: Letzte Träume
  • 25.11.2021: Lebenstraum und Lebenslüge
  • 16.12.2021: Vom Traumschlaf des Kapitalismus

30.09.2021: Virtuelle Verlockungen

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,

zum nächsten Jour Fixe am Donnerstag, dem 30.9. um 18.00 Uhr, möchte ich Sie herzlich einladen. Da die Inzidenzwerte weiterhin hoch sind und entsprechende Auflagen gelten, können wir immer noch nicht wieder zum „analogen“ Treffen übergehen, wie von vielen von Ihnen mit größtem Recht gewünscht wurde.

In der letzten Sitzung hatten wir uns ausführlich mit Hamlets Geisterscheinung beschäftigt, die in dem Stück selbst in philosophisch vorbildlicher Weise verifiziert wird. Sie erst sorgt dafür, daß die tragische Handlung beginnt. Es gab viele interessante Vorschläge von Ihrer Seite, was denn unter den „bad dreams“ Hamlets zu verstehen sei, die Schopenhauer ausdrücklich erwähnt und fast als etwas Alltägliches darstellt. Als Hintergrund bleibt seine Systematisierung der Geister-Erscheinungen im 1. Band der Parerga von großem heuristischen Wert.

Da wir aber am Ende des 3. Quartals stehen, empfiehlt es sich, kurz auf die Vorlesung zur „Metaphysik der Kunst“ zurückzublicken. Inwiefern spielt der Traum dort eine Rolle? Es gibt dort zunächst eine Reihe von interessanten Hinweisen mehr allgemeiner Art, die sich auf die „träumerische Versunkenheit“ des Genies beziehen, die Unwirklichkeit der Kunst sowie die Eigenart der Phantasmen, die nicht mit den Ideen zu verwechseln sind. Entscheidend für unseren Zugang sind aber zwei Äußerungen im 16. Kapitel. Die eine schildert in höchst erstaunlicher Weise Dantes Durchblick – so muß man es wohl nennen - auf die Welt als Hölle, die andere greift den ur-romantischen Gedanken auf, daß wir im Traum „vollkommene Dichter“ seien. Die Stellen finden sich in der neuen Ausgabe auf den Seiten 176 f. (Deussen X. 319 f., Spierling-Ausgabe 185 f.) und 200 (Deussen X. 343, Spierling-Ausgabe 207 f.), wir werden sie aber auf den Bildschirm holen. Die letzte Stelle ist eine Schlüsselstelle, die wir auf jeden Fall gemeinsam lesen sollten. - Aus der Perspektive des 4. Buches erscheint dann das Reich der Kunst als ein „vorübergehender Traum“ – eine sehr ernüchternde Perspektive.

Gern würde ich ganz kurz noch über die Probleme und Vorzüge der Schopenhauerschen Ästhetik sprechen, auch dies als Abschluß unserer gemeinsamen Lektüre der auf die Kunst bezogenen Teile des Werks.

Ich hatte schon erwähnt, daß Nietzsche in seiner umstrittenen Erstlingsschrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) die Gedanken Schopenhauers zum Traum in sehr interessanter Weise aufgreift. Es gibt einen höchst instruktiven Aufsatz von Beat Wyss zu dieser Aufnahme in dem Band Die Entdeckung des Unbewußten, der als 86. Schopenhauer-Jahrbuch 2005 erschienen ist. Thema ist der „Schein des Scheins“, von wo es zur Virtualität nicht weit ist, die sich erstaunlich gut von dem Begriff der „Vorstellung“ aus erschließen läßt. In aller Kürze: Schopenhauer war nicht nur einer der ersten interkulturellen Philosophen, sondern hat auch den Gedanken der Virtualität in einer Weise vorweg genommen, die zwar ohne die technische Implementierung daherkommt, da es die uns vertrauten „Segnungen“ damals noch nicht gab, aber ein neues Verständnis von Realität vorbereitet, für welches die Vorstellung, der Bildschirm und der technisch vermittelte Zugang das einzig Wahre zu sein scheint.

Ich freue mich auf ein anregendes Gespräch und hoffe, daß Sie sich erneut auf die online-Variante einstellen können! Immerhin haben wir auf diese Weise unseren Kreis erfreulich erweitern können.

Herzlich grüßend
Ihr
Thomas Regehly


* Sollten Sie so freundlich sein, sich an der Finanzierung der ständigen Kosten des Jour Fixe beteiligen zu wollen, wäre dies - statt des Spenden-Tellers im Lokal Iimori – durch eine Überweisung auf das DENKRAUM -Konto mit der Nummer DE03 5008 0000 0845 6744 01 möglich (Stichwort: Jour Fixe, Kontoinhaber: Thomas Regehly). Für zwei großzügige Spenden zur Finanzierung der Technik möchte ich mich bei Manfred Wagner (Bad Hersfeld) im Namen aller am Jour Fixe Beteiligten und des Vorstands der Gesellschaft ausdrücklich bedanken!

Zoom Einwahldaten:
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+49 69 3807 9883 Deutschland

26.08.2021: Schein und Täuschung

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,

zum nächsten Jour Fixe am Donnerstag, dem 26.8. um 18.00 Uhr, möchte ich Sie herzlich einladen. Da die Inzidenzwerte leider wieder gestiegen sind und entsprechende Auflagen gelten, können wir doch noch nicht wieder zum physischen Treffen übergehen, wie von vielen von Ihnen zu Recht gewünscht wurde.

Deswegen bitte ich um Nachsicht – Sie können sich wieder über den Link, den Michael Crass dankenswerterweise zur Verfügung stellte, einwählen (s.u.). Der Nachteil wird ein wenig aufgewogen durch die Teilnahme externer Schopenhauer-Freunde, auf die wir nicht verzichten möchten, insbesondere da wir noch keine Gelegenheit hatten, die Technik* zu prüfen und eine funktionierende Übertragung sicherzustellen.

Wir sind am Leitfaden des Traums inzwischen in den Bereich der Kunst gelangt, ein besonders „weites Feld“. Es wurde immer wieder bezweifelt, daß die Kunst für Schopenhauer überhaupt ein wesentliches Moment seiner Lehre darstelle. Was kann der angebliche Pessimist dem schönen Schein abgewinnen?

Diese rhetorische Frage greift natürlich zu kurz. Inwiefern Schopenhauer einen erweiterten Kunstbegriff vertritt, wäre deshalb kurz zu besprechen. Der Kunst kommt eine wesentliche Funktion im Prozeß der Selbsterkenntnis des Willens zu, wie der metaphysisch orientierte Blick zeigt. Sie stützt sich auf die naturphilosophische Darstellung der Objektivationen des Willens und bezieht alle Menschen und Dinge ein. Die ästhetische Kompetenz zeichnet in gewisser Weise sogar die Menschen aus. Soviel vorab in aller Kürze!

In der letzten Sitzung hatten wir uns mit einem tatsächlichen „Geisterseher“ beschäftigt, dem in Frankfurt a.M. auftretenden Italiener Antonio Regazzoni aus Bergamo, für den Schopenhauer sich sehr eingesetzt hat. Auch andere „Geistererscheinungen“ lassen sich mithilfe seines systematischen Zugriffs erläutern, ohne dadurch hinwegerklärt zu werden, im Gegenteil. Am Ende seiner Abfolge der Erscheinungen und als eine Art Höhepunkt steht die Einwirkung Verstorbener. Als schlagendes Beispiel hatte ich bereits auf Shakespeares „Hamlet“ hingewiesen. Die genaue Lektüre dieses Stücks zeigt, daß es besonders geeignet ist, Schopenhauers Gedanken plastisch hervortreten zu lassen.

Warum könnte dies so sein? Im 1. Akt erscheint das Gespenst des ermordeten Königs, die Erscheinung wird sorgfältig und mehrfach geprüft und verifiziert. Schließlich informiert der Geist Hamlet über die schrecklichen Geschehnisse, die zum Ableben des Königs geführt haben. Nur so kommt die Handlung in Gang, die dann zu dem für alle Beteiligten traurigen Ende führt, das wir kennen. Schopenhauer hat „Hamlet“ – wie viele seiner Zeitgenossen, besonders auch die Romantiker – sehr geschätzt, wie eine instruktive Passage aus dem II. Band des Hauptwerks zeigt, die wir gemeinsam lesen wollen. Die Pointe dieses Abschnitts ist höchst erstaunlich (Hübscher Werke Band III, Kap. 41, S. 535 f.; Deussen II. Band, S. 533 f.)

Auf diese Weise sind wir dann bestens vorbereitet, mit dem eigentlichen Thema der Sitzung, nämlich Schein und Täuschung, zurechtzukommen, die angeblich im Bereich der Kunst ihr Zuhause haben. Der Begriff „Erscheinung“ verweist direkt auf den Schein und das Scheinhafte, die „Vorstellung“ wiederum auf das Schauspiel, das im „Hamlet“ noch einmal potenziert wird zum „Schauspiel im Schauspiel“. Der Ausdruck „Lebenstraum“ am Ende des 4. Buches führt uns dann auf den Begriff der Gesamt-Täuschung, der über bloße Sinnestäuschungen nicht nur weit hinausgeht, und im Falle der „Geistererscheinungen“ eine neue Qualität gewinnt.

Zur Vorbereitung empfehle ich Ihnen, einen Blick in den „Hamlet“ zu werfen (besonders den 1. Aufzug) und sich die einschlägigen Seiten im „Versuch über das Geistersehen“ in den Parerga und Paralipomena anzuschauen (Hübscher Werke Band V, Seiten 286 bis 319; Deussen IV. Band, 307-331). Dort findet sich seine sehr erhellende Phänomenologie der Geistererscheinungen.

Ich freue mich auf ein anregendes Gespräch und hoffe, daß Sie mit der erneuten online-Variante nicht allzu unzufrieden sein werden!

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Herzlich grüßend
Ihr
Thomas Regehly

* Sollten Sie so freundlich sein, sich an der Finanzierung der erforderlichen Technik beteiligen zu wollen, wäre dies - statt des Spenden-Tellers im Lokal Iimori – durch eine Überweisung auf das DENKRAUM -Konto mit der Nummer DE03 5008 0000 0845 6744 01 möglich (Stichwort: Jour Fixe, Kontoinhaber: Thomas Regehly).

29.07.2021: Ein Geisterseher in Frankfurt a.M.

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,

zum nächsten Jour Fixe am kommenden Donnerstag, dem 29. Juli um 18.00 Uhr möchte ich Sie herzlich einladen. Er wird doch noch einmal als online-Veranstaltung stattfinden, aber wir hoffen, uns im Herbst wieder im Lokal Iimori zusammensetzen zu können, wobei eine Übertragung für die auswärtigen Teilnehmer ebenfalls vorgesehen ist.

Zoom Einwahldaten:
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Beim letzten Jour Fixe ging es um das materielle Substrat des Denkens und Fühlens, das Schopenhauer im Gehirn und im Nervensystem lokalisierte. Dies geschah bereits recht früh, sodaß er in der Vorlesung von 1820 darauf Bezug nehmen konnte. Bemerkenswert war für ihn, daß über das Gangliensystem eine unmittelbare Kommunikation möglich zu werden scheint. Zahlreiche Belege hat er mit Fleiß zusammengetragen. Seiner Auffassung nach ist die durch Sprache und Logik vermittelte Kommunikation Sache des Gehirns und wäre deshalb zu ergänzen durch den ganz anders strukturierten Austausch auf „unbewußter“ Basis. Der Traum, unser Thema in diesem Jahr, stellt sich als Tor zum Unbewußten dar. Hier kann er sich auf entsprechende Äußerungen des Schelling-Schülers Gotthilf H. Schubert und anderer berufen.

Die Frage des Tages lautet: Was verbindet Goethes Westöstlichen Divan mit Prousts „Madeleine“ und Uri Geller, der „geisterhaft“ Gabeln verbiegen konnte? Die Antwort finden Sie in Schopenhauers Essay über das Geistersehen, und zwar in der Liste der Geistererscheinungen (Parerga I, S. 286 -320). Am Schluß (320 f.) findet sich eine Art Summe, die wir gemeinsam lesen wollen. Dem Charakter des Jour Fixe entsprechend steht in der 1. Sitzung des Quartals aber Erfahrungen auf dem Programm. In diesem Fall geht es um das Auftreten des Magnetiseurs Regazzoni in Frankfurt a.M., für den sich Schopenhauer sehr interessiert und auch persönlich eingesetzt hat. Die entsprechenden Briefe vom 18.11.1854 und 30.11.1854 sind außerordentlich instruktiv. Sie finden Sie in der Briefausgabe Hübschers als Nr. 354 und Nr. 356.

Ich freue mich auf ein anregendes Gespräch über diese merkwürdigen und wichtigen Dinge!

Herzliche Grüße
Ihr
Thomas Regehly

24.06.2021: Zoom-Jour Fixe: Traumorgan und Gangliensystem

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,

zur nächsten Sitzung am kommenden Donnerstag, dem 24. Juni, um 18.00 Uhr möchte ich Sie ganz herzlich einladen. Zwar gibt es jetzt einige Lockerungen, aber wir sind noch nicht so weit, daß wir uns wieder im Iimori in der Braubachstraße treffen könnten.
Das ist aber für den Juli-Jour Fixe vorgesehen, und zwar so, daß sich auch Auswärtige, die nicht anreisen wollen, zuschalten können. Die technische Apparatur konnte beschafft werden, jetzt muß diese nur noch funktionieren.

Ende Mai hatten wir uns mit der Frage beschäftigt: „Was ist real?“ Diese Frage legte Schopenhauer seinen Studenten vor und beantwortete sie auch gleich ausführlich, indem er ein Füllhorn von naturwissenschaftlichen Details über das Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen ausschüttete.
Den Schlüssel bietet sein Begriff des Willens. Daß der Wille auch etwas Blindes, Dunkles und Wahnhaftes hat, blieb zunächst einmal ausgeblendet. Es ging ferner um die „Realität der Außenwelt“, und wir gingen noch einen Schritt weiter, indem wir nach der „Realität der Innenwelt“ fragten.
Das ist nun in der Tat ein Problem, mit dem wir uns näher befassen wollen und auch müssen. Inwiefern sind die Phantasien, Gefühle und Gedanken, ja schon Wahrnehmungen, überhaupt real, d.h. inwiefern können sie geteilt werden und haben Anspruch auf allgemeine Gültigkeit?

Die Dissertation verweist uns auch hier auf den richtigen Weg: Den 4 verschiedenen Klassen von Objekten, die Schopenhauer unterscheidet, entsprechen 4 Vermögen oder Seelenkräfte des Menschen. So kommen wir immerhin zum Verstand, der Vernunft und der Sinnlichkeit. Für den Bereich der Motivation läßt Schopenhauer die Antwort aber offen, was irritieren könnte. Der Grund dafür ist, daß sich das Gemüt nicht in derselben Weise fassen läßt wie Naturprozesse, Schlußfolgerungen oder Zahlenkolonnen. Jetzt kommt der Naturwissenschaftler ins Spiel, der stets daran interessiert ist, ein materielles Substrat für die „geistigen“ Prozesse nachzuweisen. Für den Verstand und die Vernunft ist das der Intellekt, der seinen Sitz im Gehirn hat, die Sinnlichkeit wird durch die Sinnesorgane bedient, aber für das Gemüt muß das Substrat noch benannt werden. Schopenhauer hält sich an die Forschung seiner Zeit, u.a. an Gotthilf H. Schuberts Buch „Die Symbolik des Traumes“ (1814), über das wir schon gesprochen hatten, und an die Arbeiten von anderen Forschern (Reil und Stahl). Es ist interessant, daß er nicht erst in den dreißiger Jahren von einer Polarität der Körper-Systeme ausgeht, die für den Menschen bestimmend sind, sondern bereits in der Vorlesung von 1820 explizit das Cerebral- von dem Gangliensystem unterscheidet. Dieses System arbeitet ganz anders, es ist eben unbewußt und der Zugang ist in der Regel verschlossen, es sei denn, wir träumen. In den Träumen „bildert“ das Gemüt und schickt uns, wenn man so will, bestimmte Botschaften, die auch Auswirkungen auf das reale Leben haben. Wir hatten gesehen, daß Schopenhauer ohne den Traum vom verstorbenen Jugendfreund, der ihn zu sich winkte, nicht nach Frankfurt gekommen wäre.

Beginnen möchte ich aber literarisch, und zwar mit einem kurzen Hinweis auf ein Büchlein, das eine starke Affinität zur Willensmetaphysik hat, den Nachtwachen des Bonaventura. Dort findet sich zu Beginn der 3. Nachtwache eine sehr erhellende Parallelisierung von Wachen und Träumen, Alltag und Wunder, Prosa und Poesie. Danach wollen wir die Stelle aus dem 9. Kapitel der Vorlesung gemeinsam lesen, an der diese Polarität formuliert wird. Es handelt sich um die Passage, die mit der Feststellung „Physiologie ist die Lehre vom blinden Wirken des Willens im Menschen“ beginnt (Schubbe V2, 78 f., Spierling, Metaphysik der Natur, 116 f., Deussen Band X, 75 ff.) Ein Vergleich mit der ersten Auflage des Hauptwerks (169 f.) zeigt, daß hier neues Terrain in die Sicht rückt. Wenn es die Zeit erlaubt, würde ich dann gern mit Ihnen einen Blick auf einen Text aus den Cogitata von 1831 werfen, der im Nachlaß abgedruckt ist (Band IV/1. 43 f.) und eine Lösung für eine unüberwindlich scheinende Schwierigkeit andeutet, die heutzutage erfreulicherweise von den Neurowissenschaften bestätigt wird.

Das Miteinander und vor allem das Gegeneinander von Wach- und „Traumorgan“, Gangliensystem und Zerebralsystem, Gemüt und Gehirn, Herz und Verstand wird auf diese Weise hoffentlich etwas klarer.

Ich freue mich auf ein anregendes Gespräch am Bildschirm und grüße Sie herzlich
Ihr
Thomas Regehly

P.S.: Den Link werden Sie – wie gewohnt – von Michael Crass zugeschickt bekommen, dem ich für seinen unermüdlichen Einsatz sehr dankbar bin.

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27.05.2021: Zoom-Jour Fixe: Egoismus und Wahn

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zum nächsten Jour Fixe am kommenden Donnerstag, dem 27. Mai um 18 Uhr, möchte ich Sie herzlich einladen! Er wird – hoffentlich zum letzten oder vorletzten Mal – online stattfinden, in ZOOM.
Am 29. April haben mit dem 2. Quartal begonnen und 2 Träume Schopenhauers gelesen und besprochen, die sehr unauffällig daherkommen, aber deutlich machen, wie wichtig ihm der Bereich des Traumes ist.
Es ging um den Lotterie-Traum aus Mailand und den Frankfurter Tintenklecks-Traum, beide stehen im Versuch über das Geistersehen, unserem grundlegenden Text aus den Parerga Band I.

In der 2. Sitzung geht es darum, das Thema „Traum“ im 2. Buch des Hauptwerks wiederzufinden. Auf den ersten Blick spielt es keine oder zumindest keine große Rolle, da jetzt doch das Erwachen Thema werden soll. Schopenhauer spricht allerdings mehrfach von „Phantomen“, mit denen wir es zu tun haben, sofern wir uns bloß an die Vorstellung halten, was eine unerfreuliche Auskunft ist. Auch „Schimären“ und einiges Andere kommt vor, die Traumbühne belebt sich langsam aber sicher.

Die zentrale Frage des 2. Buches ist diejenige Frage, die er in der Vorlesung über die Metaphysik der Natur seinen Studenten präsentiert: Was ist eigentlich real? Das ist eine unglaubliche Frage, die jeden irritieren muß. Eine überzeugende Antwort zu geben, ist sehr schwer. Die ganze Vorlesung läuft aber auf eine klare Antwort hinaus, die da lautet: Allein real ist der Wille. Damit es nicht bei dieser „trockenen Versicherung“ bleibt, führt Schopenhauer uns vor, wie sich die Stufenfolge der Natur auf diese Weise vollständig und überzeugend erschließen läßt. Wir wissen leider nicht, wie die wenigen Studenten damals im Berliner Hörsaal reagiert haben, aber der Versuch, auf diese Weise den Willen als „Schlüssel“ für die Realität zu nutzen, ist und bleibt grandios. Eine Fülle von detaillierten Kenntnissen aus allen Bereichen der Naturwissenschaft wird ausgebreitet, die weit über das im Hauptwerk Geschriebene hinausgeht.

Die genannte Frage erinnert natürlich an die Diskussion im 1. Buch des Hauptwerks, die dem „Streit über die Realität der Außenwelt“ gewidmet ist. Nach zwei spekulativen Antworten kam er dort auf eine empirische zu sprechen, derzufolge das Leben von den Dichtern als Traum angesehen wird, um uns dann in einem letzten Schritt bereits die entscheidende, weiterführende Frage zu stellen: Ist die Welt denn wirklich nichts anderes als meine Vorstellung? Die ausführliche Antwort mußte er dann aber verschieben. Wir können im 2. Buch die Frage umformulieren und versuchen, eine Antwort im neu zu entfachenden „Streit über die Realität der Innenwelt“ zu finden, denn genau das ist das Thema. Die Frage lautet jetzt: Wie real ist die sogenannte Innenwelt, d.h. das, was sich durch die „revolutionäre“ Wendung nach Innen erschließt? Hat das Innenleben keine Realität, wie die objektivierende Wissenschaft behauptet, oder hat es eine andere, vielleicht sogar stärkere Realität? Dieser Streit führt schließlich zur „Entdeckung des Unbewußten“ durch Eduard von Hartmann und natürlich Sigmund Freud.

Bitte lesen Sie - wenn möglich - in der Vorlesung zur Metaphysik der Natur das 9. Kapitel (bei Deussen X. 65-82, Spierling VN II. 107-128, Schubbe V2. 67-92). Als Ausgangspunkt ist der § 5 des Hauptwerks sehr hilfreich, der uns auch genau zu dem Punkt führen, an dem Schopenhauer Leben und Traum so eindrucksvoll in ein Spannungsverhältnis setzt, für das er am Ende des Buches dann den schönen Ausdruck „Lebenstraum“ findet, aus dem zu erwachen die Aufgabe einer Selbsterkenntnis des Willens ist.
Ich hoffe, daß es Ihnen gut geht und freue mich auf das Wiedersehen und ein anregendes Gespräch am nächsten Donnerstag!

Herzlich grüßend
Ihr
Thomas Regehly

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29.04.2021: Zoom-Jour Fixe: Träume von Lotterien und Tinte

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zum nächsten Jour Fixe am kommenden Donnerstag, dem 29. April um 18 Uhr, möchte ich Sie herzlich einladen! Er wird – den Verhältnissen geschuldet - online stattfinden.

Da wir im April mit dem 2. Quartal beginnen, stehen zunächst wieder 2 Träume Schopenhauers im Mittelpunkt. Es ist schon bemerkenswert, wie selbstverständlich er zur Illustration seiner Gedanken auf eigene oder fremde Erfahrungen zurückgreift, die sich auf Träume beziehen. Sein Umgang mit Traumgesichten bildet deshalb - wie im 1. Quartal - den Ausgangspunkt, im Mai gefolgt von einer Auslegung des 2. Buches, die vom Gesichtspunkt des Traumes ausgeht. In der 3. Sitzung im Juni stehen dann aktuelle Bezüge im Vordergrund.

Der erste Traum ist ein Lotterie-Traum, der auf Schopenhauers zweite Italienreise im Jahr 1822 zurückgeht. Er berichtet in den Parerga von einer interessanten Erfahrung mit seiner Zimmerwirtin. Besonders bemerkenswert ist der Kontext, in den er seinen Bericht stellt: Es handelt sich um Goethes Westöstlichen Divan. Dort findet sich in den Abhandlungen zu besserem Verständnis ein Abschnitt, der Blumen- und Zeichenwechsel überschrieben ist. Am Schluß dieses hochinteressanten Abschnitts verweist Goethe explizit auf die Bedeutung des Animalischen Magnetismus, der Schopenhauer und seine Zeitgenossen so faszinierte. Bereits in den Wahlverwandtschaften spielten die Pendelversuche J. W. Ritters eine bedeutende Rolle.

Der zweite Traum stammt aus der Frankfurter Zeit. Es geht um verschüttete Tinte, ein - wie es scheint - geringfügiges Detail, das aber bedeutsam genug ist, um erzählt und in einen größeren Zusammenhang eingerückt zu werden. Wie von selbst bringt es Schopenhauer dazu, einen Grundsatz seiner Ethik zu formulieren, der uns erklären kann, wie es möglich sein soll, träumend in die Zukunft zu schauen.

Beide Träume stehen – und das ist natürlich kein Zufall! – in seinem großartigen Essay vom Geistersehen aus dem ersten Band der Parerga (1851). Den Essay finden Sie in den Parerga, Sämtliche Werke Band V, S. 239-329.

Da wir am Ende der letzten Sitzung über Schopenhauer und Freud sprachen, möchte ich gern kurz auf Thomas Mann hinweisen, der 1936 von einer „geraden Linie (sc. von Schopenhauer) zu Freud“ sprach. Ob sie so „gerade“ gewesen ist, mag bezweifelt werden, aber ein Zusammenhang ist evident. Allerdings hatten wir uns schon ein wenig gewundert, daß für Freud den manifesten Träumen jeweils ein „Traumgedanke“ zugrunde liegen soll, der grundsätzlich entziffert werden kann. Freuds Vergleich des Traums mit einem Rebus, einem Rätselbild mit verschiedenen Szenen, die ein Wort oder einen Satz ergeben, will nicht recht zu Schopenhauers Einschätzung passen, derzufolge der Traum die Pforte zur „anderen Seite“ nicht nur der Naturwissenschaften darstellt.

Ankündigung:
Es ist mir eine Freude, Sie heute ebenfalls zu einem Vortrag von Herrn Dr. Peter J. Preusse einladen zu können, der für den 6. Mai um 18.00 Uhr geplant ist. Das Thema lautet: Recht & Liebe – Über Schopenhauers immanente Ethik hinaus. Herr Dr. Preusse, zu meiner Freude regelmäßiger Teilnehmer des Jour Fixe, wird sich mit einem interessanten und aussichtsreichen Versuch befassen, Moral neu in den Blick zu nehmen. Hier ist seine Ankündigung:

„In diesem Vortrag möchte ich insofern mit der Tradition der praktischen Philosophie brechen, als ich Ethik nicht mehr als den Versuch betreibe, die Moral rational zu begründen – denn das ist immer und immer wieder gescheitert. Statt dessen fasse ich Ethik als die rationale, lebensbejahende und universalisierbare Lehre vom Eigentum und Selbsteigentum auf, die einen transsubjektiven Gültigkeitsanspruch gegenüber allen Menschen erfüllt, die angesichts von Knappheit friedlich und erfolgreich kooperieren wollen. Ergänzend zur alternativlosen und allgemeinverbindlichen Ethik als Verhaltenskodex der prinzipiell globalen Gesellschaft von anonymen Fremden wird das soziale Verhalten im Nahbereich der zahlreichen überlappenden Gemeinschaften freiwilliger Mitgliedschaft jeweils geprägt von differenziert entwickelten Moralkodizes, die die jeweils gruppenspezifischen Werte repräsentieren. Dabei wird in Übereinstimmung mit Schopenhauers immanenter Mitleidsmoral der Vorrang des Verletzungsverbots vor dem Hilfsgebot begründet.“

In der Hoffnung auf Ihr Interesse an beiden Veranstaltungen grüßt Sie herzlich, mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit!

Ihr
Thomas Regehly

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25.03.2021: Zoom-Jour Fixe: Schopenhauer und Freud

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zur nächsten Sitzung des Jour fixe am kommenden Donnerstag um 18.00 Uhr, die erneut online stattfindet, möchte ich Sie herzlich einladen.
In der letzten Sitzung hatten wir uns ausführlich mit dem berühmten Text auf S. 25 der ersten Auflage des Hauptwerks befaßt, der das Leben und die Träume als „Seiten ein und desselben Buches“ ansieht. Dem Text war zu entnehmen, daß Träume zum Leben gehören, vielleicht sogar als dessen wichtigerer Teil anzusehen sind, vor allem aber eine sinnhafte Struktur haben, die sich – mit einige Mühe – auch entziffern läßt.
Das Ziel von Schopenhauers Traumanalyse ist eine rationale Behandlung des Irrationalen, um es einmal etwas paradox auszudrücken, wobei unter dem „Irrationalen“ das begrifflich nicht vollständig zu Erfassende zu verstehen ist.
Bevor wir uns an das große Thema „Schopenhauer und Freud“ machen, ist aber noch ein kleiner Seitenblick zu werfen auf ein Buch, das gerade in der Zeit erschienen ist, in der Schopenhauer seinen großen Wurf konzipierte. Ich meine die Symbolik des Traumes von Gotthilf Heinrich Schubert aus dem Jahr 1814, einem Freund und Anhänger Schellings, die Schopenhauer kannte. Seine despektierlichen Äußerungen über den Autor und das Buch, die Hübscher - wie üblich - ungefiltert weitergibt, könnten dazu verleiten, die Bedeutung dieser Schrift zu unterschätzen.
Dem Traum ist dort eigentlich nur ein einziges Kapitel gewidmet, nämlich das erste. Dort formuliert er in aller Kürze und erstaunlich weitsichtig einige hervorstechenden Charakteristika des Traumes. Hochinteressant ist seine Angabe, so etwas wie eine „Erziehung“ der anderen Seite des menschlichen Lebens zu beabsichtigen. Bei Freud heißt es dann später: „Wo ES ist soll ICH werden.“ Besonders spannend sind seine Äußerungen über das Gangliensystem, das sich vom Gehirn, dem Zerebralsystem, wesentlich unterscheiden soll. Schubert war Arzt und bietet eine Fülle von medizinischen Einsichten, die dem ehemaligen Medizinstudenten Schopenhauer sehr eingeleuchtet haben dürften. Er selbst wird dann später versuchen, das Gangliensystem als physiologisches Substrat des unmittelbaren Mitgefühls herauszustellen. Außerdem befaßt Schubert sich mit einer ganzen Reihe der mit dem Traum zusammenhängenden Phänomene, zwar nicht so systematisch wie im Versuch über das Geistersehen (1851), aber doch relativ konsequent. Übrigens begegnet auch der Ausdruck Traumdeutung bereits in Schuberts Buch. – Es gibt einen empfehlenswerten Reprint der Erstausgabe (Heidelberg 1968), den Sie vielleicht einmal durchblättern. Die Erstausgabe ist deshalb interessant, weil Schubert später die Traumseite der Seele deutlich negativer eingeschätzt hat.
Ziel der Sitzung ist es aber, etwas über Schopenhauer und Freud zu erfahren. Freud zitiert einige Schriften Schopenhauers in seiner Traumdeutung, aber die größte Nähe zeigt sich im VI. Kapitel, als es um die Darstellung der Traumarbeit geht. Mein Vorschlag wäre es, die Seiten 280 f. der Studienausgabe (Band II) gemeinsam zu lesen. Freud war überzeugt, mit der Traumdeutung eine große Entdeckung gemacht zu haben. Während Schopenhauer meinte, das Welträtsel mit seinem Hauptwerk gelöst zu haben, ging Freud davon aus, dem Rätsel der menschlichen Seele mit der Traumdeutung auf die Spur gekommen zu sein. Der Traum war sein Paradigma. In der Vorbemerkung zur 1. Auflage schreibt er: „Wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.“ Das ist doch ein schöner Anreiz!
Übrigens hat die Schopenhauer-Gesellschaft vor einiger Zeit eine Tagung zum Thema „Die Entdeckung des Unbewußten. Die Bedeutung Schopenhauers für das moderne Bild des Menschen“ organisiert, mit vielen interessanten Beiträgen zur Philosophie, Anthropologie, Charakterologie, Kunst und natürlich Psychologie und Psychoanalyse. Der Band ist als Sonderband des Jahrbuchs 2005 bei Königshausen und Neumann erschienen. Auch das „träumerische“ Durchblättern dieses Bandes bzw. die Lektüre könnte für unser Thema hilfreich sein.

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In der Hoffnung, daß es Ihnen gut geht und Sie gesund sind und es auch bleiben, grüßt Sie herzlich
Ihr
Thomas Regehly

25.02.2021: Zoom-Jour Fixe: Phantasmen und Bedeutung

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zum nächsten Jour Fixe am kommenden Donnerstag, dem 25. Februar, möchte ich Sie ganz herzlich einladen! Der Jour Fixe findet erneut online statt und beginnt um 18.00 Uhr. Sie erhalten von Michael Crass den Link und können sich dann direkt einwählen.
In der ersten Sitzung hatte ich Ihnen das Programm für das Neue Jahr erläutert. Unsere Leitfrage lautet: Sind Träume für Schopenhauer und uns nur „Schäume“ – oder gehören sie zum Leben dazu? Wenn ja, in welcher Weise? Könnten Träume – einige zumindest – sich mitunter sogar als realer erweisen als das sogenannte wirkliche Leben? Sie kennen vermutlich den erstaunlichen Satz: „Wahr ist nur das, was sich träumen läßt“, der in diese Richtung weist.
Schopenhauer hat dieses Thema immer wieder behandelt. Es gibt eigentlich keine Schrift von ihm, in der diesem Thema gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nachdem wir im Januar die Frankfurt-Träume des Berlin-Flüchtlings kennengelernt haben, geht es jetzt um die schon zitierte Passage im 1. Buch des Hauptwerks. Dort heißt es: „Das Leben und die Träume sind Blätter eines und des nämlichen Buches.“ (WWV 1. Auflage, S. 25 – diese Passage findet sich übrigens bereits 1815/16 formuliert, abgedruckt im Handschriftlichen Nachlaß, Band I, S. 340, mit allen dichterischen Belegen versehen). Das klingt sehr überzeugend, führt aber gleich auf einige interessante Fragen: Hat diese Aussage jemand bezweifelt? Wie wurde dieser Zweifel formuliert? Wie steht es überhaupt mit der Wirklichkeit der Träume? Und vor allem: Wo liegt denn bitte der Akzent? Wie hängen eigentlich das Leben und die Träume zusammen? Wie von selbst werden wir auf die Vorstellung eines „Lebensbuches“ geführt, die durchaus nicht selbstverständlich ist.
Die genauere Betrachtung führt uns in zwei ganz verschiedene Richtungen:
Zum einen geht es offensichtlich darum, Träume wie Texte eines Buches zu behandeln, sie also zu lesen oder zumindest lesen zu lernen. Träume, so die These, sind „sinnhaft“. Zum anderen geht es aber umgekehrt darum, Texte wie Träume anzugehen, also wie Oberflächenphänomene, die eigentlich mehrere Schichten aufweisen. Das wäre eine sehr romantische Perspektive. Schopenhauer selbst gibt uns hierzu eine Reihe von Hinweisen auf die verschiedenen Ebenen, die hier zu unterscheiden sind.
Auf jeden Fall empfehle ich aber, zunächst am Thema „Traum“ festzuhalten. Wir kommen von dort dann wie von selbst zu den Nachbarthemen Magie, Magnetismus, Allmacht des Willens und auch zu den vielen Phänomenen, die im Versuch über das Geistersehen (1851) so minutiös beschrieben und geprüft werden. Ziel ist für Schopenhauer dabei immer die rationale Behandlung des angeblich Irrationalen, dessen Bedeutsamkeit für das menschliche Leben für jeden denkenden Menschen außer Frage stehen sollte.
Wir sollten uns auch bereits jetzt mit einer Kurzform der Traumdeutung Freuds (1900 erschienen) vertraut machen. Freuds Buch ist glänzend geschrieben und bietet eine Fülle von hochinteressanten Aspekten. Zentral ist für uns aber die Unterscheidung zwischen dem manifesten Trauminhalt, den Bildern, und dem dahintersteckenden latenten Traumgedanken, der stets durch die vierfache Traumarbeit umgewandelt wird und den es für den Therapeuten oder den Träumer zu entziffern gilt. Wenn wir hier die Parallele zu Schopenhauer ziehen, überrascht es, daß das „Ding an sich“ des Traums uns als eine Art „Gedanke“ präsentiert wird, der angeblich schwarz auf weiß nach Hause getragen werden kann. Bitte lesen Sie vorab den Beginn des VI. Kapitels in der Traumdeutung.
Vorab müssen wir aber klären, was denn ein Phantasma ist und wie es sich von einer normalen Vorstellung sowie einer Idee unterscheidet. Schopenhauers Lehre, das sei schon verraten, wird sich unter dem Traum-Aspekt als eine Art universaler Phantasmagorie erweisen.
In der Hoffnung auf ein angeregtes Gespräch und mit einem herzlichen Gruß und den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen in schwierigen Zeiten.
Ihr
Thomas Regehly

Uhrzeit: 25.Feb. 2021 06:00 PM Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien

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28.01.2021: Zoom-Jour Fixe: Schopenhauers Träume

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zunächst wünsche ich Ihnen allen ein gutes und gesundes Neues Jahr, Mut und Gelassenheit, Zuversicht und ein stets leuchtendes philosophisches Licht!
Im Jahr 2021 sind Schopenhauers Träume – wie angekündigt – Thema unseres Jour Fixe. Es ist bemerkenswert, wie intensiv Schopenhauer sich immer wieder mit Themen befaßt, die den Horizont der traditionellen Philosophie übersteigen, ja in Frage stellen.
Am Ende des letzten Jour Fixe hatten wir gesehen, daß er die Mystik alle Zeiten und Völker sehr ernst nimmt, ohne allerdings zum Mystiker werden zu wollen. Die Beschäftigung mit Träumen führt ihn erneut in ein unruhiges Fahrwasser, das im 18. Jahrhundert außerordentlich populär war, vergleichbar dem Esoterik-Boom der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Kant, das große Vorbild Schopenhauers, hatte in seinem Artikel über die Träume eines Geistersehers (1766) mit den Spekulationen und angeblichen Erfahrungsberichten Swedenborgs brilliant und überzeugend abgerechnet, ohne aber damit dieses Thema in seiner Bedeutung in Frage zu stellen. Der Essay ist außerordentlich lesenswert und zeigt Kant als weltmännischen, sprachgewandten Schriftsteller. Schillers erfolgreichste Publikation war der Romanentwurf Der Geisterseher, der 1789 erschien und in dem auch der berühmte Zauberer und Wundermann Cagliostro, dessen Familie Goethe 1787 in Palermo besuchte, eine Gastrolle spielte. Auf der einen Seite geht es in Schillers Roman um eine Geisterbeschwörung, auf der anderen Seite um deren restlose Erklärung im Geiste des Rationalismus.
Wir wollen mit Schopenhauers berühmtem Satz beginnen, der lautet: „Das Leben und die Träume sind Blätter eines und des nämlichen Buches.“ Was mutet er mit dieser These seinen Zeitgenossen zu? Inwiefern sind dieses Sätze ein Präludium zur Entdeckung des Unbewußten durch Eduard von Hartmann und für die Traumdeutung Sigmund Freuds (1900)? Sie erinnern sich sicherlich daran, daß wir uns bereits gelegentlich mit dem Thema des Erwachens beschäftigt haben. Im § 58 der Dissertation spricht Schopenhauer davon, ein Werk zu verfassen, das sich zur Dissertation verhielte „wie Wachen zum Traum“, und das Motto des ersten Buches der Welt als Wille und Vorstellung, der Satz aus Rousseaus Roman La Nouvelle Heloise, fordert den Leser umstandslos zum Erwachen auf.
Schopenhauer hat sich zeit seines Lebens für merkwürdige Bücher erwärmen können, wie z.B. für die Aufzeichnungen der Seherin von Prevorst, die unter dem Titel „Originalien und Lesefrüchte für Freunde des inneren Lebens“ Justinus Kerner zusammengestellt hat. Er ging zum nicht geringen Entsetzen seiner wenig geschätzten Kollegen sogar soweit, die Magie als „praktische Metaphysik“ zu bezeichnen, was auch der Schopenhauer-Forschung über Jahrzehnte hinweg wie ein Wackerstein im Magen lag. Mit Schrecken erinnert man sich an die Edition der „Parapsychologischen Schriften“ Schopenhauers durch Hans Bender im Jahr 1961. (Dieser nur noch antiquarisch erhältliche Band ist als Textgrundlage für den Jour Fixe im übrigen sehr hilfreich.) Es war aber Schopenhauers feste und unumstößliche Überzeugung, daß es einem Philosophen nicht ansteht, die Nachtseite des Lebens – von den Träumen über die Sexualität bis hin zur Grausamkeit als Triebfeder des Handelns – zu verleugnen.
Das sind spannende Themen, die sich nach vielen Seiten erweitern lassen! Ich hoffe, daß wir uns endlich einmal wieder zusammenfinden können, um ohne das Hilfsmittel Bildschirm darüber zu sprechen.

Uhrzeit: 28.Januar 2021 06:00 PM Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien

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Ich hoffe auf Ihr Interesse und grüße Sie herzlich

Ihr
Thomas Regehly

17.12.2020: Jour Fixe (online, Zoom)

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
zum Jour Fixe am kommenden Donnerstag lade ich Sie herzlich ein. Er wird wie der letzte pandemie-bedingt als online-Sitzung stattfinden, was am 1.12. doch erstaunlich gut funktioniert hat. Dank Michael Crass sind wir unterwegs zu neuen Ufern für und mit Schopenhauer!
Das Thema lautet – anspruchsvoll genug – "Facetten des Nichts". Sie wissen natürlich alle, wie das Hauptwerk endet – mit einem einzigen großgeschriebenen Wort. Dieser großartige Schlußakkord stand bereits im Jahr 1816 fest, wie uns ein Blick in den Nachlass (HN I) zeigt. Dort ist der ganze Schluß-Passus bereits auf S. 410 ff. zu finden.
Die Vorbereitung auf dieses Ende ist auch in der Vorlesung von 1820 – unserem Thema in diesem Jahr – überzeugend. Im letzten Teil geht es um die Verneinung des Willens. Schopenhauer befaßt sich zunächst mit der Möglichkeit, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. Überraschenderweise faßt er den Selbstmord, der ihn zeit seines Lebens immer wieder stark beschäftigt hat, als einen Beleg für eine überstarke Affirmation des Lebens auf. Der Selbstmörder ist der Auffassung: "Dieses Leben will ich nicht, sehe mich aber auch nicht in der Lage, die Bedingungen meines Lebens grundlegend zu ändern." Am anderen Ende der Skala befindet sich die tatsächliche Negation, die darin besteht, auf Reproduktion und Selbsterhaltung komplett und aus freien Stücken zu verzichten. Für die Asketik hat sich schon der junge Student außerordentlich interessiert, wie eine Notiz aus der Mappe Philosophari aus dem Jahr 1813 zeigt, die uns dank Ernst Zieglers vorbildlicher Arbeit seit kurzem gedruckt vorliegt.
In der Vorlesung zur Metaphysik der Sitten zeigt er anschließend, wie sehr seine Lehre von der Verneinung des Willens mit Luthers Ansichten übereinstimmt. Als Nachtrag zum Lutherjahr 2017 sollten wir einen kurzen Blick auf die Einzelheiten werfen, da der Ausflug in die protestantische Dogmatik durchaus erhellend ist. Die bekannten Formeln – sola fide, sola gratia, sola scriptura – kommen vor und werden höchst interessant philosophisch ausgelegt.
Allerdings ist es dann die Kunst, die das wahre Evangelium präsentiert, in den Bildern der Büßer und Märtyrer, der Abgehärmten und Geschundenen. Das ist nun kein sehr weihnachtliches Thema, aber es geht doch immerhin ebenfalls um die Geburt, wenn auch um eine Wiedergeburt. In diesem Kontext erhält der Name Jacob Böhmes einen hohen Stellenwert.
Die Vorlesung endet nicht mit dem Nichts als Schlußwort, sondern der junge Dozent schiebt eine letzte Frage nach: "Woher kommt es denn, daß der Wille in dieser Weise über sich hinaus will?"
Darüber läßt sich aber nichts Genaues sagen, da Begriffe nicht für das "Jenseits der Erkenntnis" taugen. Überhaupt zeigt sich am Schluß der Vorlesung noch einmal sehr deutlich, wie stark Erkenntnis und Welt identifiziert werden und vor allem wie wenig es hilft, Erkenntnis und Wollen abstrakt voneinander trennen zu wollen.
Bitte lesen Sie vorab die letzten Passagen der Vorlesung oder die § 69 bis 71 des Hauptwerks. Es ist interessant, daß Schopenhauer in den späteren Auflagen das Werk mit einer Fußnote schließen ließ, wenn wir den Herausgebern folgen wollen. Die online-Konferenz gibt uns die Chance, die entsprechenden Seiten des Handexemplars allen zugänglich zu machen.

Einwählen können Sie sich per Computer über folgenden Link oder telefonisch mit einer der folgenden Telefonnummern Ihres Landes.
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Mit besten Wünschen für die Weihnachtsfeiertage vorab und einem herzlichen Gruß
Ihr
Thomas Regehly


mehr zum Thema Suizid bei Schopenhauer und Mainländer

15.12.2020: Vortrag Michael Crass: Schopenhauer im Netz – Chancen und Risiken (online, Zoom)

Liebe Schopenhauer-Freunde und Jour Fixe-Teilnehmer,
hiermit lade ich Sie im Auftrag der Schopenhauer-Gesellschaft zum meinem Vortrag Schopenhauer im Netz – Chancen und Risiken am 15. Dezember 2020 um 18 Uhr ein.
Ich werde darauf eingehen, wie präsent die Schopenhauer-Gesellschaft im Internet war und ist, und welche Chancen und Risiken ein stärkeres Engagement im Netz mit sich bringt.
Einwählen können Sie sich per Computer über folgenden Link oder telefonisch mit einer der folgenden Telefonnummern Ihres Landes.

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Ich freue mich sehr auf Reaktionen und eine spannende Diskussion.

Viele Grüße
Michael Crass

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